Arno-Schmidt-Lesung in Hamburg-Hamm mit Vorstellung des Hörbuchs »Zettel’s Traum«

Pressemitteilung der BMG

Um 20:08 Uhr begrüßte der Schulleiter vom Gymnasium Hamm, Dr. Schmidt-Tiedemann, die Anwesenden mit einer kurzen Einführung in das Thema des Abends: »Wer ist Arno Schmidt?« – Er sei in Hamburg-Hamm zur Welt gekommen, und später zu einem (auch umstrittenen, »skurrilen«) Schriftsteller von Weltruf geworden. Im hiesigen Stadtteil sei er nicht so bekannt, wie er es sein sollte. Das zu ändern sei als Anregung für nachfolgende Schüler-Generationen dieses Gymnasiums mit auf den Weg gegeben: eine Art »Spurensuche«, da man sich in guter Nachbarschaft zu den von Schmidt in seinen Jugenderinerungen beschriebenen Lokalitäten befinde. Arno Schmidt, der sich als »Metamorphotiker« beschrieb, entzog sich, wo er konnte; er sei nicht »greifbar« – heute abend nun soll er bei dieser Veranstaltung »akustische Konturen‘ bekommen. Dr. Schmidt-Tiedemann beschloß seine Rede mit dem Wunsch, daß Arno Schmidt einige neue Leser finden möge.


Herr Poerschke von BMG
Anschließend stellte Herr Poerschke (von der BMG-Wort im Hause Bertelsmann) das neue Hörbuch Nr. 8 vor und erwähnte auch die 25 CDs umfassende Produktion »Jan Philipp Reemtsma liest Arno Schmidt«. Herr Poerschke kündigte bei dieser Gelegenheit ein weiteres Hörbuch an, das eine als Hörspiel bearbeitete Lesung aus dem geplanten, aber nie geschriebenen Schmidtschen Mammutwerk »Lilienthal« beinhaltet. Eine bekannte Programmzeitschrift weise ausführlich auf die kommende Erstsendung dieser Hörfunkproduktion hin (Radio Bremen, 2. Programm, So. 22. 4. 2001, 17:05 Uhr). Das Hörbuch soll im Herbst 2001 erscheinen.

Jan Philipp Reemtsma, Joachim Kersten, Bernd
Rauschenbach

Um 20.15 Uhr begann der Hauptteil der Veranstaltung: zunächst einige Erläuterungen zum Hörbuch, dann eine Lesung von Arno Schmidts Kindheitserinnerungen aus »Abend mit Goldrand«.

Herr Rauschenbach gab – nachzulesen in seinem Booklet-Textbeitrag – einen Überblick über die Inhalte des Hörbuchs und die Vorgeschichte der »Simultan«-Lesungen. Bei »Zettel’s Traum« als Drei-Spalten-Buch lag die Idee nahe, in einer Lesung diese Textstränge drei Sprechern zuzuordnen und gleichzeitig vorzutragen.

Die erstmalige Rezitation aus jenem Werk in dieser simultanen Art, im November 1989 im Literarischen Colloquium Berlin, war zunächst als Experiment mit ungewissem Ausgang gedacht: die Aufnahme durch Publikum und Presse bewog die drei Vortragenden, jenes Lese-Experiment in den folgenden 10 Jahren noch über 30 Mal zu wiederholen (wovon auch ein Tonkassetten-Mitschnitt im Verlag Knape, Augsburg veröffentlicht wurde).

Als unbefriedigend wurde dabei empfunden, daß der jeweilige Vortrag u. a. von der Tageskondition der Sprecher und der Akustik des Vortragsraumes sehr unterschiedlich geprägt wurde, weswegen man sich für eine Studioproduktion entschlossen habe, in der die jeweiligen drei Textstränge einzeln aufgenommen und anschließend mit modernen digitalen Hilfsmitteln paßgenau in- und nebeneinander gefügt wurden, so daß ein
Optimum an Verständlichkeit erzielt werden konnte.

Das vorliegende Hörbuch könne natürlich nur einen Bruchteil des Textes von »Zettel’s Traum« wiedergeben, da eine komplette Lesung etwa 80 CDs umfassen würde.

Die Auswahl der Texte erfolgte unter dem Gesichtspunkt, daß für ihr Verständnis nicht die Kenntnis des gesamten Buches nötig ist – die drei wiedergegebenen Abschnitte umfassen die »Ouvertüre« auf dem Schauerfeld (einem Landstück außerhalb des Dörfchens Ödingen), eine Szene im Hause von Daniel Pagenstecher (Rundfunknachrichten werden gehört und kommentiert) und die beiden letzten Seiten von »Zettel’s Traum«, wo das Übersetzer-Ehepaar Jakobi vom Schauplatz abfährt. Zur Veranstaltung fanden sich etwa 130 Gäste ein.
Aus den genannten Gründen wolle man beim jetzigen Leseabend auf eine weitere »unzureichende Live-Version« verzichten und – auf Anregung der ebenfalls anwesenden Hörbuch-Regisseurin, Frau Charlotte Drews-Bernstein – stattdessen aus den Jugenderinnerungen Arno Schmidts an Hamburg-Hamm lesen, die er in seinem letzten vollendeten Werk »Abend mit Goldrand« (1975) eingeflochten hat.Diese Lesung (von 20:24 bis 21:06 Uhr) wurde dann in einer dem Text angepassten, eher konventionelleren »nicht-simultanen« Art vorgetragen. Die drei routinierten Sprecher erhielten freundlichen Beifall für ihre gekonnte, ebenso informative wie unterhaltsame Darbietung, welche auch für diejenige Zuhörer, die diese Passagen schon aus »Abend mit Goldrand« kannten, durch ihre weit über bloßes Rezitieren hinausgehende, vereinzelt fast schon szenisch wirkende Umsetzung ein neues Licht auf den »alten« Text warf.Anschließend gab es noch einen kleinen Sekt-Umtrunk im Vorraum, wo auch das neue Hörbuch (neben anderen Werken Schmidts) von der Hammer Buchhandlung Seitenweise zum Kauf angeboten wurde. Ein Teil der Gäste blieb noch einige Zeit in Gesprächen untereinander und mit den Veranstaltern zusammen, andere trafen sich unweit vom Gymnasium in einem Restaurant beim Hammer Park, welcher ja auch zu den Lokalitäten gehörte, an die sich Arno Schmidt bzw. sein Alter ego im »Abend mit Goldrand« erinnerte.