Vortrag von Oskar Ansull über die »Stürenburg-Geschichten«

Oskar Ansull am 15. Januar 2002 vor der Goethe-Gesellschaft, Hannover: »Stürenburg-Geschichten« oder Arno Schmidt & einige seiner Vorläufer. (Zum 88. Geburtstag des Dichters am 18. Januar.)Die erste Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft Hannover im Jahr 2002, war, wie erfreulich, Arno Schmidt gewidmet. Immerhin waren etwa 80 Goetheaner erschienen, um sich über die Nachwirkungen einiger Zeitgenossen Goethes auf die Literatur des 20. Jahrhunderts informieren zu lassen.

 
Herr Meurer, der Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft Hannover, bei der Begrüßung der Gäste
Nach einigem Wirrwarr über Ort und Beginn der Veranstaltung in der hiesigen Presse, im Internet und in Programmvorschauen begann es dann am 15. Januar um 19 Uhr im Vortragssaal des Theatermuseums wirklich. Oskar Ansull, sensibler Poet, einfühlsamer Übersetzer und versierter Rezitator aus Hannover, machte sich über drei Arno-Schmidt-Texte her, die dieser von Zeitgenossen Goethes entlehnt hatte.Auf der kleinen Bühne stand zwar ein Rednerpult, hinter dem hervor er beißenden Spott und böswilligste Verachtung über Plagiatoren in das Publikum hätte hineinschmettern können, aber das ist nicht Oskar Ansulls Art. Vom Pult her kamen lediglich jeweils launigen Erläuterungen zu den gelesenen Texten und zu deren Autoren.
Links vom Pult stand ein Küchenstuhl, vielleicht aus dem Rumpffsweg, rechts ein feiner Polsterstuhl, vielleicht aus dem Salon in Nennhausen. Damit war klar, welcher Text von wo gelesen würde.Das Motto des Abends, eine Reverenz vor den Gastgebern, natürlich Goethe: »Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes!« [ER zu Friedrich von Müller und Eckermann am 17. 12. 1824.] Oskar Ansull stellte in seiner Einführung »die Methode des Plagiats als eine literarische, wenn auch etwas windige, aber nicht unbedingt verwerfliche Angelegenheit mit erheblicher Tradition« dar, und dafür kann er reichlich Belege bringen, von Dante über eben Goethe bis hin zu, ach wir kennen viele aus dieser Zunft, haben wir doch wohl alle Arno Schmidts »Man nehme …« gelesen. Zu den Stürenburg-Geschichten speziell sagte Ansull:  
Zwei Stühle und ein Pult (noch nicht im Bild) genügten als Bühne
Die Geschichten erschienen mit (einer Ausnahme) erstmals 1966 gesammelt in dem Band »Trommler beim Zaren«. Es sind Nebenprodukte des Literatur-Forschers, in den 50er Jahren entstanden, Fingerübungen zu größeren Würfen, erzählperspektivisches Experiment, vergnüglich Kurzes hingewetzte Seiten, Brotgeschichten, Zeitungsfutter, was für’s schmale Konto, zum Überleben & zur Einführung für Schmidt-Ungewohnte, die im schönsten ProsaSatzZusammen-Klang des 19. Jahrhunderts allzugern verweilen.Zum kennenlernen und Abstoßen: NEIN! NiemalsnirgendsniemehrSchmidt! Oder schlicht zum Süchtigwerden, denn hier wird langsam aber sicher die Erzähl-Gang-Art gewechselt, sind doch die Erzählsituation (der Erzähler im lauschenden Hörerkreis) und die Erzählstoffe dem 18. &19. Jahrhundert entlehnt und flott aufs 20. umgeschneidert. Nur leicht gebrochene Nachkriegsidyllen, keine sonderliche Aufarbeitung, geschweige denn irgendeine Bewältigung von Vergangenheit. Solch zarte Formen nur nicht überfordern.
Dann stellt er den Gastgeber in dessen Haus am Dümmer sowie den Hörerkreis nach Stand und Herkunft vor. Der Vermessungsrat a.D. ist sicher einer der vielen Stürenburgs aus den sattsam bekannten »Hof- und Staatshandbüchern für das Königreich Hannover« ebenso wie sein Faktotum Hagemann.Die verw. Frau Dr. Waring und Nichte (Leontinchen) Emmeline kommen von Bord eines Bäderdampfers des Freiherrn von Gaudy, Hauptmann von Dieskau ist wohl ein ehemaliger Artillerist und schließlich der Apotheker Dettmer, dessen Her- und Abkunft ebenso im Dunkel bleibt, wie die des anonymen (Nach)Erzählers.
    Oskar Ansull am Pult Vom Polsterstuhl her las Oskar Ansull zuerst eine Begebenheit aus der Autobiographie Fouqués, die sich während des Feldzuges der Weimarer Kürassiere gegen Napoleon ereignet hat. Das Sensibelchen der Abteilung, ein eifriger Briefschreiber und wohl ein verkappter Poet, fällt bei einem Scharmützel. Als daraufhin das »Cornettchen« und seine Kameraden den Nachlaß zusammenpacken, finden sie ein Bündel Briefe, die der Gefallene, schon im Voraus, an seine ehemaligen Kriegskameraden als seine Freunde gerichtet hat, die in friedlicher Zukunft ein bürgerlich-behagliches Familienleben führen.
Dann: Platzwechsel, und damit vom harten Küchenstuhl her Szenen- und Stimmungswechsel zur gemütlichen Kaminrunde bei Stürenburg und zum »Geodätchen«. Bei Ansulls Vortrag meinte man das Kaminfeuer knistern zu hören und riecht fast den Rauch der »Brasiltrompeten«.Und das Publikum, zuerst ein wenig skeptisch, lies sich bald aber mehr und mehr gefangen nehmen, und reagierte amüsiert mit leise glucksendem Lachen, wenn das »Geodätchen« auftrat und eine Passage wieder erkannt wurde, die Arno Schmidt wörtlich von Fouqué entlehnt und bruchlos in seinen Text eingebaut hatte.
Für die zweite Erzählung entführte uns Oskar Ansull auf die Insel Felsenburg und wir hörten eine »seltsame Begebenheit« aus dem Leben des Wundarztes Kramer, der berichtet, »wie der Geldmangel den Affekt der Liebe eines Kindes gegen seine Mutter allem Anschein nach sehr zu mindern, ja gänzlich auszurotten vermag.« Daraufhin ein Raunen von den ebenfalls zahlreich anwesenden Arno-Schmidt-Kennern: »Aha, ›Sommermeteor‹!«.Ansull zeigte, wie Arno Schmidt den Kern der Episode von der verkauften Leiche zwar entlehnt, aber »flott aufs 20.[Jahrhundert] umgeschneidert» hat, indem er die Dextrokardie und den sternschnuppenreichen Sommerabend einführte. Zum Vergnügen aller Zuhörer blieb dabei der Gag erhalten, daß der Student, nachts beim Transport des toten Mütterchens von einem Kommilitonen angesprochen, was er denn da unter seinem Mantel trüge, zur Antwort gab: »Laß mich nur zufrieden, Herr Bruder, ich trage eine alte Baßgeige.«
Aus Krieg und Exil entführte uns Oskar Ansull zur dritten Erzählung ins Märchenland, genauer in Tiecks Roman »Vittoria Accorombona«, und dies wird die Stürenburg-Geschichte, die erst aus Arno Schmidts Nachlaß veröffentlicht wurde. Ein unschuldig verarmter Herzog von Burgund verirrt sich bei einem Ausritt zusammen mit seinem sicherlich treuen Knappen in einem Wald.Ermüdet legt er sich endlich an einem schmalen Wasserlauf ins Gras um auszuruhen und ist bald eingeschlafen. Aus seinen Mund heraus springt eine »Kleine graue Maus«, die unruhig am Ufer des Baches entlang läuft, bis der Diener ihr seinen Degen als Brücke über das Gewässer legt. Die Maus benutzt die Brücke und verschwindet am anderen Ufer zwischen zwei Steinen.Der Knappe ist sehr in Sorge um seinen Herrn, der besonders tief und fest zu schlafen scheint, als jedoch die Maus wieder in des Herzogs Mund zurückschlüpft, und der gesund erwacht, ja da ist bei Tieck alles ebenso wie bei Arno Schmidt. Die Schläfer erzählen ihre Träume, neugierig und gespannt gehen Schläfer und Begleiter den Dingen auf den Grund, und sie finden auch jeder ihren Schatz, jeweils standesgemäß, der Herzog Gold und Perlen, der Geometer die Messingplatte des TPs von Carl-Friedrich Gauß.   Während der Lesung
Darob Erleichterung im Publikum und langer Beifall, was Oskar Ansull aber nicht hinderte, noch einen Nachtrag zu geben. Hatte er zu Beginn von Frau Dr. Waring gesprochen und deren Begeisterung über die Sprache der Seeleute und die Phänomene der Seefahrt, die sie von der »erhöhten Schanze des Dampfschiffs ›Elisabeth‹« aus interessiert beobachtet und hinterfragt:

  »Und die kleinen Kähne dort mit den rotbraunen Segeln, welche immer
  im Zickzack fahren, was treiben sie, mein lieber Herr Lotse?«
  »Lavieren« entgegnete der Seehund. »Sie lavieren! Welch ein Einfall?
  Aber weshalb, mein Guter, fahren sie nicht geradeaus wie wir?«
  »Konträrer Wind« knurrte die Teerjacke  

Nun wieder O-Ton Oskar Ansull: »›konträrer Wind‹, meine Damen und Herren, kürzer, knurriger und treffender läßt sich Arno Schmidt, seine Arbeit und Wirkung nicht benennen.« Recht hat er!

Nach einem Dank an den Vortragenden und beschließenden Worten von Herrn Meurer traf man sich zur obligatorischen »gemütlichen Runde« bei Speis’ und Trank ganz in der Nähe des Theatermuseums, dessen Räumlichkeiten übrigens im Schauspielhaus (Niedersächsisches Staatstheater, Prinzenstraße 9) untergebracht sind und welches ebenfalls einen Besuch wert ist. (Es lief dort gerade eine Ringelnatz-Sonderausstellung.)