Braunschweig, die “kurz=&gutn 200=Seiter” von Wilhelm Raabe, der „Grüne Jäger“ und natürlich auch Arno Schmidt

Ein Vorteil einer Mitgliedschaft bei der „Gesellschaft der Arno-Schmidt-Leser“ (GASL) ist sicherlich die Tatsache, dass man bei den Jahrestagungen neben einem interessanten Programm mit spannenden Diskussionen und Fachvorträgen, fast nebenbei die verschiedensten Orte und Landschaften der Bundesrepublik Deutschland kennen lernt. So schöne, eher unbekannte Orte wie z.B. Ahlden oder Bomlitz,  Bad Münstereifel oder Liliental wurden in den letzten 24 Jahren auf den Spuren von Arno Schmidt aufgesucht und ausgiebig erkundet, erwandert und begossen. Nun also zur 25. Jahrestagung auf nach Braunschweig, einer Stadt, über die Arnos Schmidt im Steinernen Herzen vermerkte „(14 Uhr 50: Ringklib schwebte jetzt über Braunschweig: …), woraus ich immer geschlossen hatte, dass sein Herz nicht unbedingt an dieser Stadt hing und ich trotz Raabe nie ein gesteigertes Bedürfnis verspürt hatte, einmal dort drei Tage zu verbringen

Freitag. 1. Oktober

Stadtbibliothek von Braunschweig

Nach 4 Stunden Fahrt erreichten wir Braunschweig und eilten zum neuaufgebauten Braunschweiger Stadtschloss, das 2006 als Brustpanzer samt einigen wenigen nachempfundenen Innenräumen einem dreimal so großen Einkaufszentrum vorgeblendet wurde. In dem Blauen Saal, der dort beheimateten Stadtbibliothek, startete um 17 Uhr die offene Mitgliederversammlung der GASL. Zügig wurden die Punkte der Tagungsordnung abgearbeitet und der Vorstand nach dem Bericht der Kassenprüfer von der Mitliederversammlung entlastet. Aufgrund des Rücktritts des bisherigen Kassenwartes Julian Bose wurde die Nachbesetzung dieser Position erforderlich. Die Mitgliederversammlung wählte Georg Braunwart als Nachfolger für diese Aufgabe. Alle anderen Vorstandsmitglieder kandidierten wieder für ihre bisherigen Positionen und wurden im Amt bestätigt. Erfreulich waren die Berichte zum Stand der einzelnen Projekte der GASL. Jahrbuch, Schriftenreihe und Schauerfeld erschienen planmäßig und im vollen Umfang. In der Diskussion um den nächsten Tagungsort schälte sich diesmal Frankfurt am Main als Favorit heraus, wo vor 25 Jahren die GASL bei einem „Griechen“ gegründet wurde. Leider wird keine Gelegenheit bestehen in dessen originalen Räumen zu tagen, da diese Restauration in der Zwischenzeit abgerissen wurde. Als Ziele für die Jahre 2012 und 2013 wurden Niemburg an der Weser und Frankfurt an der Oder vorgeschlagen.

Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten lesen "Abenteuer der Sylvesternacht"

Die anschließende Lesung der Herren Kersten und Rauschenbach war ein voller Erfolg, bei dem sich auch zahlreiche einheimische Gäste unter die GASL-Mitglieder mischten. „Die Abenteuer der Sylvesternacht“ faszinierten in der perfekten Dramaturgie der beiden Leser, denen es glänzend gelang, teilweise mitten im Satz den Stab weiterzureichen – wobei Rauschenbachs grimmiger Nachdruck in Kerstens Verschmitztheit mündete. Die Gespräche beim anschließenden Abendessen im schönen Restaurant „Al Duomo“ drehten sich natürlich um die heiß erwartete Neuausgabe von „Zettels Traum“ und die von der TAZ aufgeworfene Frage, ob dieses Werk nun „Große Kunst oder kompliziert ausgearbeiteter Dachschaden“ sei

Samstag, 2. Oktober

Dr. Cord-Friedrich Berghahn vom Institut für Germanistik der TU Braunschweig

Am nächsten Tag startete das Fachprogramm in der Aula des Hauses der Wissenschaft mit einem Grußwort von Dr. Cord-Friedrich Berghahn vom Institut für Germanistik der TU Braunschweig.Manfred Zieger, der Inhaber der Braunschweiger Buchhandlung Neumeyer, behandelte in seinem mitreißenden Vortrag „Bloomsday in Frimmersen oder: a holiday in hell“, die Janusköpfigkeit in der Erzählung »Windmühlen«.
Zieger zeigte auf, dass es nur oberflächlich um einen harmlosen Besuch zweier Freunde bei einem Bademeister in einem sommerlichen Heide-Freibad geht.

Manfred Zieger

Der zweite, untergründige Erzählstrang thematisiere aber die Verlockung und Bedrohung durch Homosexualität und die Abgründe alles Menschlichen. Und als er zum Abschluss zur Untermauerung seiner Thesen, die bekannte Textstelle „Wrumm: Wrumm!›; (fast genau unter’m Po-po; peinlich.)“ aus den „Windmühlen“ zitierte, hatte er die Lacher auf seiner Seite und die Anwesenden bestens auf den nächsten Vortrag vorbereitet.
Christian Stein, ebenfalls aus Braunschweig (!) und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institut für Verkehrssicherheit und Automatisierungstechnik (!!), bevorzugte einer eher technischen Ansatz in seinem Referat „Arno Schmidts topologische Poetik“. Mit multimedialer Unterstützung referierte er über die Landschaften und Orte der „Gelehrtenrepublik“ und über die Trennung zwischen dem „Ich“ und „moi“, dem „Oben“ und „Unten“ in diesem Werk und entwickelte hieraus eine werksübergreifende Darstellung der Topographie der Poetik von Arno Schmidt.

Christian Stein

Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Auftritt von ihm auf einer GASL-Tagung sein wird und dass sein Projekt „Terminologie der Normung (INS) - Entwicklung eines integrativen Terminologiemanagements zur Normung“ ihm Zeit für die weitere Erforschung der Werkes von Arno Schmidt lassen wird.

Roman Lach vom Institut für Literaturwissenschaft in Berlin wählte hingegen einen eher traditionellen Ansatz für seinen Vortrag „Landkartenreise auf dem Strom der Beredsamkeit“. In seinen Ausführungen zu Arno Schmidts Übersetzung der Littlepage-Trilogie, veranschaulichte er anhand von Textauszügen, das phänomenale Sprachgefühl von Arno Schmidt. Und bewies so, dass die Übersetzungen, die Schmidt selber immer als übelste Brotarbeiten bezeichnete, wegbereitend und einzigartig in der Literatur des 20. Jahrhundert sind. So konnte Schmidt auch aus einfachsten textlichen Vorlagen ein wahres Feuerwerk der Sinne schlagen, dass nachhaltig die deutsche Rezeption der von ihm übersetzten Werke beeinflusste und diese Übersetzungen noch in Jahren lesenwert machen wird

Roman Lach

Aus der nahen Landeshauptstadt Hannover war Ulrich Klappsteins angereist. Sein Vortrag „Faunische Fluchten – Eine Spurensuche in vermintem Gelände“ befasste sich mit dem Verhältnis von Ernst Jünger und Arno Schmidt und den möglichen Spuren des Anderen in den Werken dieser beiden so gegenteiligen Schriftsteller. Klappstein konnte leider nicht abschließend klären, ob die Würdigung von Ernst Jünger in „Lillis Sonettenkranz“
„Armeen stampfen zwischen Feuerwänden
und blutigrot erscheint die wilde Nacht
Ein Idiot (Ernst Jünger) hieß die Schlacht
»das Stahlgewitter« einst – er mög’ verenden!“
tatsächlich das letzte Wort von Schmidt zu diesem Autor gewesen ist.

Ulrich Klappstein

Die anschließende Mittagspause wurde individuell verbracht und um kurz vor 16 Uhr traf man sich gestärkt und erfrischt im Raabe-Haus in der Leonhardstraße. Nach einer kurzen Begrüßung durch Herrn Fischer (GASL) und Herrn Beck von der Raabe-Stiftung bestand die Möglichkeit die liebevoll restaurierte letzte Wohnstätte von Raabe zu besichtigen

Denn eine Führung durch die Wohnung in der Leonhardstr. 29 war aufgrund der Räumlichkeiten nicht möglich, und die GASL verlegte sich auf das Studium der Exponate in den Vitrinen und auf die Texte und Bilder an den Wänden, die umfassende, biographische Auskünfte über Leben und Wirken von Wilhelm Raabe geben.

Raabes Arbeitszimmer

Vor einhundert Jahren starb Raabe. Haus und Wohnung wurden vom 2. Weltkrieg nicht verschont.  Das Ergebnis der Rekonstruktion – das Arbeitszimmer mit den Einrichtungsgegenständen, Schreibtisch, persönliche Bibliothek etc. – lassen den Geist von Raabe lebendig werden.

Ein Spaziergang führte zum zweiten Raabe-„Denkmal“ der Stadt Braunschweig. An den Wänden des Raabezimmers im Restaurant „Grüner Jäger“ gibt umfangreiches Bildmaterial Zeugnis von dem prominenten Zecher der Vergangenheit. Der Vortrag von Prof. Soren Fauth zeigte die Rezeption des Philosophen Schopenhauers im Spätwerk Raabes (”Das Odfeld”, “Die Innerste”, “Stopfkuchen”) auf.

“Fauth geht davon aus, Raabes Erzählungen enthielten jeweils eine „allegorisierende Ebene“, die dann auch entsprechend zu dechiffrieren sei. So kommt er immer wieder zu apodiktischen Aussagen wie: Der Fluss in der Erzählung „Die Innerste“ „sei das allegorisierte Wesen der Welt, Kants Ding an sich, Schopenhauers Wille zum Leben“, die weibliche Hauptfigur dieses Textes ist auf der „hypotextuellen Allegorieebene der Erzählung wie der Fluß dem Schopenhauerschen Willen gleichzusetzen“, der Rabe in der Erzählung „Das Odfeld“ ist der Wille. Die letzte metaphysische Begründung der Rabenschlacht […] ist der unheilbare Zwiespalt des Willens mit sich selbst“ et cetera.” (aus: “Kontrollierte Echolalie”, Axel Dunker, Literaturkritik, März 2010)

Soren Fauth

Sonntag. 3. Oktober

Den Auftakt am Sonntagmorgen machte diesmal Karlheinz Müller aus Griesheim. Ausgehend von seiner langjährigen Erfahrung als Oberstudienrat berichtete er von den Schwierigkeiten und Freuden Arno Schmidt den Schülern der gymnasialen Oberstufe näher zu bringen. Dieser sehr persönlich gehaltene Vortrag stand unter dem Titel „Schulausflug in der Schule“ Man kann nur sich nur wünschen, dass es noch viele so engagierte Pädagogen gibt, die sich in der Schule für einen lebendigen Umgang mit Literatur stark machen und sie ganz unakademisch dorthin bringt, wo die Schüler sind.

Karlheinz Müller

Aus Sardinien stammend und nun aus Berlin angereist. Frau Prof. Dr. Sotera Fornaro war sicherlich der weitgereiste Gast auf dieser Tagung. Sie widmete sich wie viele Referenten vor ihr, dem Verhältnis von Arno Schmidt zu einem seiner Schriftstellerkollegen. Hierbei ging sie aber Jahrtausende zurück und beleuchtete meisterlich das Beziehungsgeflecht zwischen Odysseus und Arno Schmidt. Als profunde Kennerin der griechischen und lateinischen Literatur konnte sie insbesondere „Schwarze Spiegel“ als Fundgrube für eine entsprechende Suche nennen.

Sotera Fornaro

Dietmar Noering dankte in seiner Abschlussrede allen Referenten für ihre Beiträge und dem Organisationskomitee um Hartmut Fischer für die Vorbereitung und Durchführung des Jahrestreffens und wünschte allen eine gute Heimfahrt und ein Wiedersehen in Frankfurt.

Bericht: Kersten Marunde
Fotos: Alois Schütz